Fotorückblick#4: Faszination Makrofotografie

Neulich stöhnte eine Kollegin: „Jetzt muss ich schon wieder in der Eilenriede spazieren gehen.“ Sie realisierte gerade, dass ihr Herbsturlaub wegen Corona platzen würde.

Die Eilenriede ist Hannovers Stadtwald. Einer der größten seiner Art in Europa. Ich mag die Eilenriede sehr. Naherholung bekommt in diesen Zeiten einen ganz anderen Stellenwert. Dennoch wusste ich sofort, was meine Kollegin meinte mit „Schon wieder“. Immer die selben Bäume, Wege, Bänke.

An bekannten Orten Neues zu entdecken fällt schwer. Auch ich bin daran gewöhnt, mich abzulenken und – wenn nötig – dem Alltag zu entfliehen. Viele haben das im Moment bitter nötig und gleichzeitig geht es kaum.

Fotografieren hilft gegen Corona-Blues

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich am Wochenende mit der Kamera im Garten von Freundinnen unterwegs war. Dort sah es aus, wie es halt aussieht Ende November. Feuchtes Grün und Braun, etwas Laub, schwarze Erde und letzte Blüten.

Zugegeben – diese dunklen Cosmea waren wirklich schön. Mir fehlen zu dieser Jahreszeit allerdings die Insekten. Eine einzige, stinknormale Fliege habe ich entdeckt.

Wenn ich mich langweile, verändere ich die Perspektive. Beim Fotografieren gelingt mir das gut. Seit ich die Welt um mich herum durchs Makroobjektiv betrachte, nehme ich sie anders wahr.

Hättet ihr gedacht, dass die Samenstände von Herbst-Anemonen so besonders sind? Mit dem verschwommenen, bunten Laub im Hintergrund ergeben sich wahre Postermotive:

Der Samenstand der Herbstanemone

Als Nebeneffekt meiner Perspektivwechsel habe ich oft dreckige Knie und komme mit matschigen Schuhen nach Haus. Für manch ein Foto liege ich schon mal der Erde. Meist genügt es aber, in die Hocke zu gehen.

Faszination Makrofotografie – zum Beispiel Fliegen

Die stinknormale Fliege im sonntäglichen Garten entpuppte sich auf Augenhöhe betrachtet übrigens als recht fotogen:

Faszination Markofotografie: Fliege auf vertrockneter Pflanze

Was tragen diese Fliegen nur immer für Borsten mit sich herum! Das habe ich schon bei meinem allerersten Fliegenbild im vergangenen Sommer gedacht.

Es war gleichzeitig eine meiner ersten Makroaufnahmen und ich war mächtig stolz:

Faszination Makrofotografie: Kopf einer Fliege

Die Aufnahme ist auf Gut Sunder entstanden, bei einem Fotoworkshop von Peter und Martina Uhl von der Fotoschule des Sehens. In dem Naturschutzgebiet oberhalb der Aller, einem hübschen Fluss hier in Niedersachsen, haben wir den ganzen Tag verbracht. Es gibt dort natürlich auch viele andere Insekten. Libellen, Rosenkäfer, Wildbienen. Die zeige ich später vielleicht einmal.

Ein gutes Foto braucht Geduld – oder Windstille

Der größte Feind der Makrofotografin ist die Bewegung. Selbst eine Nacktschnecke kann einen wahnsinnig machen, wenn sie mit ungeahntem Tempo aus dem Schärfebereich kriecht. Bei einem Makroobjektiv ist dieser Bereich so gering, dass man ständig nachjustieren muss.

Wind ist auch nicht gut. Schon ein Hauch genügt und das Insekt pendelt auf Blatt und Blüte von Scharf zu Unscharf zu Scharf … Es braucht immer wieder Glück und Geduld.

Ohne Wind sind Fliegen allerdings gute Fotomodelle, die sich meist nicht stören lassen. So wie dieses Grünauge:

Fliege versteckt sich hinter Blatt

Den Winzling habe ich im Sommer durch Zufall auf unserem Balkon entdeckt. Ich liebe dieses Foto. Die Fliege saß dort lange Zeit ganz still im Verborgenen.

Die Hornissenschwebfliegen hingegen haben gar nicht erst versucht, sich zu verstecken:

Hornissenschwebfliege auf Wilder Karde

Hornissenschwebfliegen sind allein durch ihre Mimikry beeindruckend. Sie wollen, dass wir uns fürchten, sind aber völlig harmlos und friedlich.

Auch die sehr viel kleinere Hainschwebfliege vertraut auf diesen Trick:

Hainschwebfliege

Schwebfliegen sind faszinierende Flugkünstlerinnen. Oft stehen sie an einer Stelle in der Luft und zack … sind sie schon einen halben Meter weiter geflogen, nur um dort wieder in der Luft zu verharren.

Die dicken Hornissenschwebfliegen habe ich vereinzelt schon im vergangenen Jahr auf unserem Balkon beobachtet. In diesem Sommer hatte ich endlich Gelegenheit, sie zu fotografieren. Wohl auch, weil wir die Wilde Karde gepflanzt hatten. Als sie blühte, war diese stachelige Schönheit für ein paar Wochen unser Insektenmagnet Nummer Eins. Vor allem Erdhummeln fanden die Blüten unwiderstehlich.

Noch mehr Infos zu dieser heimischen Wildpflanze findet ihr hier.

Wilde Karde sucht ein neues Zuhause

Die Wilde Karde hat sich auf unserem Balkon ausgesäht. Das ist jetzt im Herbst schon zu sehen. Die Temperaturen sind mild und überall schieben sich Keimlinge aus der Erde. Ich werde sie irgendwann ausreißen müssen.

Mehr als zwei dieser kratzigen Pflanzen haben hier keinen Platz. Vielleicht fallen ihre Nachkommen ja auch den verfressenen Engerlingen der Dickmaulrüssler zum Opfer. Noch kann ich nicht beurteilen, ob die Fadenwürmer (Nematoden), die ich gegen die wurzelfutternden Käferlarven ausgebracht habe, wirklich wirken.

In der Natur kann man gut beobachten, wie gerne sich die Wilde Karde ausbreitet, wenn man sie lässt. Vor einer Weile habe ich eine kleine Kolonie an der Ihme hier in Hannover entdeckt:

Die Samenstände sind für einige Vogelarten im Winter eine gute Futterquelle.

Wer von euch Platz im Garten hat oder das Experiment auf dem Balkon wagen möchte, kann sich für ein Kardenpflänzchen im Frühling gerne bei mir melden. Ihr bevorzugter Standort: Sonnig, nährstoffreich und feucht. Sie wächst aber wohl auch im Halbschatten.


Fotorückblick #1 Fotorückblick #2 Fotorückblick #3 Fotorückblick #5



2 Kommentare Füge deinen hinzu
  1. Brillante Bilder, wunderschön und hochprofessionell. Dazu informative und toll geschriebene Texte!
    Immer wieder erstaunlich, wie schön und ästhetisch die Welt des Kleinen sein kann. Es sollte uns anregen, öfter einmal genauer hinzuschauen und zu beobachten.

    1. Lieber Uwe, herzlichen Dank für deinen Kommentar – so viel Lob auch einmal 🙂 Ja, das Kleine verdient mehr Aufmerksamkeit! Es gibt so viel zu entdecken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.