Engerlinge in Aktion… Und weg ist die Wurzel!

Hatte ich schon gesagt, dass ich Dickmaulrüssler nicht mag? Seit ich ihre Engerlinge in Aktion erlebt habe, habe ich eine kleine Phobie entwickelt. Im frühen Frühjahr dachte ich noch: Das sind bestimmt die Larven von tollen Käfern. Von Rosenkäfern zum Beispiel. Die fressen totes organisches Material, machen Humus daraus und verursachen keine Schäden. Und die fertigen Käfer sehen toll aus!

Erste Begegnung mit dem Wurzelfeind

Dann kränkelte der Natternkopf und wurde immer weniger. Irgendwann kam ich auf die Idee mal nachzuschauen, was da los ist. Und zack – hatte ich die ganze Pflanze in der Hand. Oder sagen wir besser: ihren Schopf! Denn die Wurzeln waren weg. Abgenagt bis auf den Ansatz. So als hätte ich einen Salatkopf abgeschnitten.

Natternkoof in Balkonkasten
Hier sah der Natternkopf noch toll aus

Eine Kollegin nickte wissend: Dickmaulrüssler. Schwieriges Thema. Sie führe seit Jahren Krieg gegen die Käfer. Eingeschleppt hätte sie sich die mit irgendeiner Topfpflanze und werde sie nun nicht mehr los.

Ich dachte mir: Nun gut, das ist Natur und die Käfer sind bestimmt auch Futter für Vögel und insofern nützlich… Kurzum: ich hielt das mit dem Krieg für übertrieben. Außerdem glaubte ich noch immer an meine Rosenkäfer.

Als auch die Schlüsselblumen ihr Leben aushauchten kamen mir Zweifel. Also haben ich beim Umtopfen und Graben in den größeren Töpfen die Engerlinge aus der Erde gepult. Zuerst zögerlich. Als aber immer mehr ans Tageslicht kamen, habe ich sie den Vögeln zum Fraß vorgeworfen. Hätten wir einen Garten, hätten sich Igel sicherlich auch gefreut.

Den Natternkopf konnte ich verschmerzen, ein anderer hatte den Befall überlebt und die paar Schlüsselblumen, die den Engerlingen zum Opfer fielen… ich fand sie ohnehin komisch, weil kein Insekt sie besuchen wollte. Vielleicht hatte ich eine Art ohne Nektar und Pollen erwischt?

Dickmaulrüssler sind nachtaktiv

Als der Sommer 2020 kam, habe ich meine Kollegin nach und nach besser verstanden. Wahnsinn, was die ausgewachsenen Käfer alles anknabbern… Jede Nacht sind sie unterwegs. In der Dämmerung machen sie sich auf den Weg. Es gibt kaum ein Blatt am Sommerflieder, das keine Fraßspuren hat. Der Sauerampfer hat Kerben, am Blutweiderich waren sie, an der Balkonkirsche… Auf der Wilden Karde habe ich mal einen in flagranti erwischt. Und dabei hat sie Stacheln an den Blättern!

Der Käfer ließ sich sofort zu Boden fallen, als ihn das Licht meiner Taschenlampe traf. Ich vermute, die Biester verkriechen sich auch unter unseren Balkonbrettern. Sitzt einer gerade noch oben, macht er im nächsten Moment einen eleganten Ausfallschritt und ist verschwunden.

Wenn sie doch nur nicht so unverschämt zu meinen Pflanzen wären… Fast rührend fand ich tatsächlich einen Dickmaulrüssler, der sich in der Dämmerung im Balkonkasten hoch über der Straße an eine Gewürztagetes klammerte und Nektar trank…

Absammeln begrenzt den Schaden

Ich begann die Käfer zu suchen und abzusammeln. Ich habe sogar abgeschnittene Stockrosenblätter ausgelegt, als ich feststellte, dass sich die Dickmaulrüssler tags gerne in den Falten der großen, kühlen Blätter verstecken. Auch ein Brett mit Kerben kam zum Einsatz, feuchte Schwammtücher in den Töpfen, direkt auf der Erde (mit dem schönen Nebeneffekt, dass sich dort die Nacktschnecken versammelten, die ich so komfortabel absammeln konnte). Morgens fand ich die Rüssler in Rillen unter Steinen, hinter Töpfen… Ich denke, es sind Gefurchte Dickmaulrüssler (Otiorhynchus sulcatus), die den Balkon heimgesucht haben. Auch das Umweltbundesamt hat sie auf dem Kieker.

Ich kam mir vor wie ein Fischer, der morgens die Reusen kontrolliert und seinen Fang einholt. Manchmal saßen mehrere Käfer gemeinsam mit Schnecken in der Falle. Ich kann es mir eingebildet haben, aber in den Tagen darauf hatten die Blätter weniger Schäden.

Letzte Hoffnung Nematoden

Nach meinem ersten Sommer mit den Dickmaulrüsslern kann euch sagen: der Kampf ist ermüdend. Der Käfer versteckt sich gut und wenn man nicht jeden Abend die Pflanzen nach den nachtaktiven Insekten absuchen will helfen nur: Nützlinge!

Ich habe im Internet Nematoden bestellt. Diese Fadenwürmer sind die natürlichen Feinde der Rüssler, sie befallen die Engerlinge – was ja die Käferlarven sind. Die Fachhändler raten, die Nematoden im Spätsommer/Frühherbst und noch einmal im Frühling auszubringen. Dazu wird das angelieferte Pulver in Wasser aufgelöst und dann direkt auf die Erde gegossen. Alle Engerlinge in Aktion werden (hoffentlich) vom Fadenwurm befallen und sterben dann. Die Würmer sind unbedenklich für Menschen. Ob sie Erfolg haben, werde ich Frühling, spätestens im nächsten Sommer sehen.

In den vergangenen Monaten haben die Dickmaulrüssler bereits einen Balkonkasten mit Fetthenne, Dachwurz und Mauerpfeffer gekillt, was mich wirklich ärgert, weil die Pflanzen so schön geblüht haben und vor allem von kleinen Wildbienen besucht wurden. Es wird dauern, bis die Ableger, die ich retten konnte, den Kasten wieder füllen.

Auch in diesem Fall war es so: Ich sehe die Pflanzen und denke: „Warum seht ihr denn so welk aus?“ Und schon habe ich den Skalp vom Mauerpfeffer in der Hand. Nur noch Blatt und Stängel, keine Wurzeln.

14 Engerlinge in Aktion

Als ich den Terracotta-Kasten ausleert habe, kamen 14 Engerlinge ans Licht. Die Erde ist jetzt zum Ausnüchtern im Keller. Ich denke, wenn die vielleicht noch vorhandenen Engerlinge ausgetrocknet sind, kann ich die Erde wieder verwenden.

Ausgeleerter Balkonkasten
Engerlinge auf einem Teller
Vogelfutter Deluxe

Es ist wohl so, dass die Käferlarven, wenn sie keine frischen Wurzeln finden, auch anderes organisches Material verputzen. Davon findet sich in der Erde ja immer irgendwas, weshalb ich befürchte, meine Engerlinge in Aktion könnten auch im Keller überleben, wenn die Erde feucht genug ist.

Wer Saisonpflanzen kauft und seinen Balkon jedes Jahr neu macht, hat wahrscheinlich nicht viel zu befürchten, wenn die Erde jedes Jahr ausgetauscht wird. Da ich aber mittlerweile viele Töpfe habe, die überwintern und versuche, einheimische Wildpflanzen zu ziehen, haben es sich die Rüssler und ihre Larven anscheinend richtig gemütlich machen können. Darum werde ich Ende Oktober noch einmal Nematoden gießen. Sicher ist sicher. Es gibt eine spezielle Art, die auch bei kühleren Temperaturen noch aktiv ist.

Sonst können sich Duftveilchen, Akelei und und Knoblauchrauke, die ich gerade ausgesäht habe, das Keimen gleich sparen. Die Larven finden zarte Wurzeln besonders lecker. Kleine Pflänzchen können einpacken.

Tipps zum Überwintern von Kübelpflanzen habe ich passend dazu vor Kurzem hier bei der ZEIT gelesen.

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